Die Angst vor der Gurke

09.05.2011

Minister und hochrangige Behördenvertreter haben in Deutschland erneut vor dem Verzehr von Blattsalaten, rohen Tomaten und Salatgurken gewarnt. Und die Warnung fällt ganz offensichtlich auf fruchtbaren Boden: Der Verkauf der drei Gemüsesorten ist eingebrochen. Die Angst erstreckt sich mittlerweile schon auf Erdbeeren. Ist das jetzt nur die übliche Hysterie in einem neuen Lebensmittelskandal? Man wisse nach wie vor nicht, wo genau die lebensge-fährlichen Keime lauern könnten, verteidigen sich die Behörden. Sicher ist nur, dass die Erreger letzte Woche auf spanischen Gurken gefunden worden waren. Aber niemand kann derzeit sagen, dass nur dieses Gemüse und nur diese Lieferung kontaminiert war. Die Basis für die Verdächtigenliste mutet auf den ersten Blick etwas wacklig an. Dementsprechend lautstark hatten sich Bauernvertreter letzte Woche noch gegen die Warnungen ausgesprochen. Sie seien unverantwortlich den Gemüsebauern gegenüber und ein Kommunikationsdesaster. Man wünscht sich mehr Transparenz seitens der Behörden bei der Weitergabe von Laborgeheimnissen. Und die spanischen Bauern schimpfen weiter über "deutsche Manipulationen mit sauberen spanischen Gurken" und verlangen Rechenschaft von den Beschuldigten. Weil so wenig aussagekräftige Daten über mögliche Erregerquellen oder Kontaminationswege vorlägen, müssten die Behörden auch vielleicht etwas zu umfangreiche Warnungen aussprechen, wird immer wieder betont. Argumente für eine derartige Warnung gibt es im Hinblick auf die gegenwärtige Situation mehrere. So sind die Erreger offenbar sehr gefährlich, zudem gibt es keine etablierten Medikamente gegen die EHEC-Bakterien. Und selbst durch umfangreiches Waschen kann die Bakterienmenge auf rohem Gemüse oder Salaten nur reduziert werden. Weniger als 100 Keime reichen bereits für eine Infektion aus. Und wenn man eine kontaminierte Gurke schält, gelangen auch immer wieder Erreger auf das Innere. Solange also die EHEC-Epidemie anhält und weiter so viele Fragen offen sind, gilt nur der Verzicht auf möglicherweise belastete Lebensmittel als der einzige echte Schutz.

Quelle: NZZ vom 31. Mai 2011

 

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